Benzins Motorradseiten Erlebnisse mit dem Motorrad

16. November 2015

صنع في الصين – anihC ni edaM

Filed under: صنع في الصين - anihC ni edaM — Benzin @ 22:10

Gehen sie gerne in ein China Restaurant? Mögen sie chinesische Küche? Nein? Schade. Ach, sie mögen chinesische Küche? Ich auch. Und wie! Von mir aus könnte ich mich damit mein Leben lang ernähren. Leicht und sehr bekömmlich. Gut, natürlich kommt’s drauf an, was man isst. Und natürlich auch, wo man isst. Sie haben ein bevorzugtes China Restaurant, wo sie immer hin gehen? Ich nicht. Ich probiere gerne mal, wie andere “Chinesen” kochen. Waren sie schon einmal in China? Nein? Macht nichts. Vielleicht holen sie es einmal nach. Lassen sie sich ihr Chop Suey beim nächsten Mal trotzdem gut schmecken.

my_chinesewatch_blog_china97_001 Ich bin 1997 dreieinhalb Wochen durch China gereist. Von Wien mit der AUA nach Peking, dann nach Xian, weiter nach Chongqing, mit dem Schiff nach Wuhan, dann nach Shanghai, mit der Bahn nach Hangzhou, mit dem Flieger nach Guilin, mit dem Schiff am Li Fluß herum, dann nach Hongkong (das war noch was, am alten Kai Tak Flughafen!) und mit der Swiss Air über Zürich zurück nach Wien. Verbotene Stadt, Große Mauer, Terrakotta Armee, Jangtsekiang, Bund, Hongkong, Nathan Road und dazwischen viele, viele Tempel. Und noch viel mehr Chinesen. Kulturschock? Oh ja! Am ersten Tag in Peking konnte ich nicht glauben, was ich sehe. Ja, ja. Klar. Viele Chinesen. Und viele Fahrräder. Aber auch unfassbar viele S-Klasse Mercedes! So viele sieht man hier im Jahr nicht, wie dort in einer Viertelstunde. Alles Privatautos, keine Parteibonzen. Alles Unternehmer und Geschäftsleute. Auslandschinesen, die von der Regierung dazu eingeladen wurden, in China die Wirtschaft anzukurbeln. Als Gegenleistung gab’s vom Staat Privilegien. Sie zahlten wenig Steuer und konnten fahren, was sie wollten. Dafür haben sie auch fest angekurbelt, wie man heute sieht. Parteifunktionäre und Regierungsmitglieder waren damals nach Aussage unserer Leise……äh, Reiseleiterin dazu verdammt, VW Santana 2000 zu fahren. my_chinesewatch_blog_china97_002Die wurden noch 1997 massenhaft in Shanghai erzeugt.

Im großen und ganzen hab ich mich in China so wohl und vor allem so sicher gefühlt, wie noch in keinem anderen Land der Welt. Natürlich wirkte China exotisch. Alleine durch die Schrift. Man kann nichts lesen. Ja, noch schlimmer. Stimmt schon, auch in östlichen Staaten, in denen kyrillisch geschrieben wird, kann man nichts lesen. Aber man kann sich was vorstellen. Dann liest man eben Mexiko statt dem, was wirklich drauf steht. Spielt ja keine Rolle. Aber man kann sich was vorstellen. Was man sieht, ist reproduzierbar, wieder abrufbar. Hat man eine kyrillische Zeichenfolge mehrmals gesehen und dann auch noch erfahren, was sie heißt, zum Beispiel Friseur, kann man sich daran erinnern und das dann auch tatsächlich lesen. Das fehlt in China. Man kann sich bei dieser Art von Schrift absolut nichts vorstellen. Man erkennt nichts wieder, egal, wie oft man die selbe Zeichenfolge sieht.

Abgesehen von der Schrift, ist in China auch so vieles anders als bei uns. Beispiel Museumsbesuch. Gehst du in Österreich in ein Museum, stehen die Leute respektvoll zwei Meter vor dem Ausstellungsstück und betrachten es. Ab und zu geht jemand vorne vorbei, aber das ist alles. Das stört ja nicht. In den USA wird man sogar gefragt, ob man vorne vorbei gehen darf, sonst zwängen sich die Ami lieber hinten vorbei. Immer schön Abstand halten. Nur nicht stören. Stehst du in einem chinesischen Museum zwei Meter vor einem Kunstwerk, stehen fünfzig Chinesen vor dir. Unhöflich? Nein! Da vorne sieht man besser. Nächstes Mal stellst du dich einen Meter vor das Kunstwerk. Dann stehen nur mehr zehn Chinesen vor dir. Vorne sieht man einfach besser. Glaub es. Ab dann stellst du dich so knapp vor das Kunstwerk, dass du deswegen selber fast nichts mehr siehst. Bleib zehn Minuten so stehen und du kannst Wetten, du stehst wieder in der dritten Reihe.

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Apropos Museum. Kunst. In der traditionellen chinesischen Malerei hat der Meister von seinem Meister gelernt, ein Bild zu malen. Je genauer er das Bild des Meisters kopieren konnte, desto höher stieg sein Ansehen, bis er eine exakte Kopie des Meisters Kunstwerkes zustande brachte. Damit stieg das Ansehen und er wurde selber Meister. So werden in Kunstwerkstätten zahllose Werke mit ein und dem selben Motiv gefertigt, die alle eine exakte Kopie des vorhergehenden Werkes sind. Das wird einem halt so erzählt. Man kann bei der Arbeit zuschauen und das wird dann natürlich an die Langnasen verkauft. Langnasen (so nennen sie uns aus dem Westen) sind gerne gesehene Kunden. Oder Opfer. Je nach Sichtweise.

Aber probier das einmal bei uns! Fertige einmal eine exakte Kopie des Feldhasen von Dürrer an und verkauf sie. Dein Ansehen wird nicht steigen. Du wirst nicht zum Meister erhoben. Du landest im Knast. Eine Peking Oper ist wieder ganz was anderes. Bund, schrill und ……. Aber lassen wir das lieber. Fast hätte man mich raus geworfen, dabei konnte ich gar nichts dafür. Ich bin halt eine Banause. Ich weiß das auch.

my_chinesewatch_blog_china97_009 Die Kleidung gehört, zumindest in den Städten, nicht zu den Unterschieden. Die ist nicht anders als bei uns. Besonders die Mädchen sind ausgesprochen süß angezogen. Mit der blauen Schlosserkluft, wie zu Maos Zeiten, rennt jedenfalls keiner mehr herum. Wenn doch, ist es mit größter Wahrscheinlichkeit ein Schlosser. Mit der Mao Bibel hingegen schon. Fast jeder, von dem man angesprochen wird, trägt eine Mao Bibel mit sich. Oder mehrere. Man wird, zumindest wurde ich, damals sehr oft angesprochen. Vielleicht, weil ich so groß bin? Nicht auf chinesisch natürlich. Die wissen, dass die Langnase das nicht kann. Man wird auf englisch oder gar auf deutsch angesprochen. “Du ju spik inglisch?” Antwortet man nicht gleich und schaut nur, probiert er es mit “Sprechen sie deutsch?” Erkennt er, dass du ihn verstehst, wirst du ihn nicht mehr los. Zuerst will er seine Sprachkenntnis verbessern, also üben, und wenn er genug geübt hat oder drauf kommt, dass er besser englisch kann als du, dann will er dir eine Mao Bibel andrehen. 20 Dollar das Stück. Wenn du fünf nimmst, kannst du auf 14 Dollar pro Stück runter handeln.Chinesen handeln sehr gerne.

Oder er will dir was zeigen. Wir sind zu dritt zum Spaß einmal mitgegangen. Angeblich war das eine Schule. Man zeigte uns Zeichnungen, die wir, wenn wir wollten, kaufen konnten. Damit unterstützen wir die Schule, erzählte man uns. Na ja, zwanzig Dollar war ja nicht viel. Und wenn man einer Schule hilft? Ich hatte wohl gut gehandelt. Redete ich mir wenigstens ein. Hängt noch heute hier irgendwo herum. Aber ich hab dazu gelernt. Lernen ist wichtig, sagten die Chinesen. “Wir wissen, dass wir ein rückständiges Land sind, aber wir lernen!” Das hab ich schnell begriffen, und darum lernte ich auch so schnell wie möglich. my_chinesewatch_blog_china97_010

In Shanghai streunte ich einen Vormittag lang irgendwo in der Gegend des Bund herum und fand einen Laden, der mit Uhren handelte. Die ganze Auslage war voll mit Armbanduhren. Staunend blieb ich stehen und konnte mich kaum satt sehen. Nur leider hab  ich mich damals kaum mit Uhren beschäftigt. Zumindest nicht mit Chinesischen. Ich könnte mich heute noch in den Arsch beißen! Eine stach mir ins Auge. Eine Omega. Eine schöne, güldene Omega Constellation. Eine Automatik mit Datum. Plötzlich hat mich der Teufel geritten. Ich ging rein. “Ich möchte gerne die Omega in der Auslage sehen”, sagte ich auf englisch. “Omega?” sagte er. “Omega” sagte ich, und deutete zur Auslage. Ich weiß, mein Englisch ist nicht besonders. Er nahm mich beim Ärmel und zog mich nach draußen. “Omega”, sagte ich wieder und deutete auf die Uhr. “Ah, Omega!”, meinte er erfreut und zog mich wieder in den Laden, dann holte er den Schlüssel und die Omega. “Hau matsch?” fragte ich und rieb dabei Daumen und Zeigefinger aneinander. Irgendwie hatte ich den Verdacht, der kann noch weit weniger englisch als ich. Dafür konnte er weit besser chinesisch.

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my_chinesewatch_blog_china97_018 Aber wir verstanden uns prächtig. Er nahm einen Zettel und schrieb eine Zahl drauf. Es war die selbe Zahl, die am Schild in der Auslage stand. Umgerechnet 1400.- Österreichische Schilling! Mich hat’s fast umgehauen. Der Umrechnungskurs chinesische Währung/österreichische Währung war damals ein Horror! “Nooo! No, no! Tuuu matsch!” tat ich ganz aufgeregt und fuchtelte dabei mit den Händen in der Luft herum. “Viel zu matsch!!” Er drückte mir Zettel und Kugelschreiber in die Hand. “Scheiße!”, dachte ich. Wenn wir in der chinesen Währung weiter verhandeln, zieht der mir die Hosen aus. Ich holte tief Luft und schrieb $20.-, „United States Dollar“ mitgesprochen, drauf. Ich hatte keine 500.- Schilling eingesteckt, das war für’s Taxi in Wien, was aber keine Rolle spielte. Mit Schilling konnte man sich in Asien sowieso brausen. Das wusste ich. Dafür hatte ich einen Haufen US-Dollar im Hosensack und dazu noch ein Bündel Deutsche Mark und Schweizer Franken. Mit Dollar, Mark und Franken war man auf der ganzen Welt Kaiser. Ich vor allem mit Dollar, weil der Umrechnungskurs damals toll war. Ein Dollar waren neun Schilling und rund achtzig Groschen. Da konnte man schön handeln.

Ich dachte, der frisst mich, als ich $20.- auf den Zettel schrieb, er schaute mich aber nur an, zog mir Zettel und Kugelschreiber aus der Hand, strich meine Zahl durch und schrieb selber eine Zahl drauf. Wie viel, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls handelten wir redend und deutend, jeder in seiner Sprache, wie die Kamelhändler und hatten sichtlich beide unseren Spaß daran. Schlussendliche kaufte ich die Omega um fünfzig Dollar. Mit Uhrband. Ich hab sie heute noch und sie läuft sehr gut. Es ist die schönste Omega Constellation, die ich je gesehen hab. Was vielleicht daran liegt, dass ich noch nie zuvor eine andere gesehen hatte. Und bis heute keine andere gesehen hab. Aber auch wenn sie nicht echt sein sollte, wovon ich von Anfang an aus ging, darum ging’s mir gar nicht. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht, und sie ist eine schöne Erinnerung an meine Reise durch China.

Vor der Heimreise wurde mir in Hongkong um $400.- eine Breit Ling angeboten. Der hat nicht einmal behauptet, sie sei echt. “Ar ju interestet in ä Breitling Replika?” fragte er mich unverblümt irgendwo entlang der Nathan Road. “No, aim sorri. Ai dont leik Replikas” antwortete ich und ging weiter. Ich mag keine Uhren, wo Breitling, Rolex oder was immer drauf steht, aber ganz was anderes drinnen ist. Nur die Omega um fünfzig Dollar, die hab ich ins Herz geschlossen. Die ist ein ewiges Reiseandenken, und die hab ich mir hart erhandelt. Das ich mir 18 Jahre später chinesische Uhren kaufen würde, hätte ich nicht im Traum gedacht. Und dass ich damit so eine Freude haben könnte, noch viel weniger. Tag Heuer 6000 Chronometer, das war was. Die hatte ich und hab ich heute noch. In echt. Aber so hat das damals angefangen. Auf meiner ersten China Uhr steht Omega drauf.

Einen schönen Tag noch.

4 Comments »

  1. Geil!
    Dann möcht‘ ich nicht wissen, was da eine Tag Heuer gekostet hätte. 😉

    Gruß Rocco

    Kommentar von Rocco — 16. November 2015 @ 23:05

  2. Rocco, ich glaub, Tag Heuer haben die damals nicht gefälscht. Zumindest die 6000er Serie nicht. Noch nicht. Die kam erst 1995 auf den Markt, und die lässt sich nicht so einfach fälschen. Die hatte nämlich bis 1998 ein verschraubtes Uhrband. 🙂
    Die, die gefälscht wurden, Breitling, Rolex, was weiß ich, hatten alle einen Einheitspreis. USD$400.-

    Schöne Grüße

    Kommentar von Benzin — 16. November 2015 @ 23:45

  3. Mein Opa hatte sogar mal ’ne „Polex“, die hatte in den 90ern deutlich weniger gekostet und die gab es gleich im Nachbarland zu kaufen. 😉

    Kommentar von Rocco — 17. November 2015 @ 8:53

  4. Das wird eine Poljot mit Schreibfehler gewesen sein. 🙂

    Kommentar von Benzin — 17. November 2015 @ 11:17

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