Benzins Motorradseiten Erlebnisse mit dem Motorrad

1. Januar 2012

2011. 12. 31 – Eine kleine Silvestergeschichte

Filed under: Touren und Ausflüge in Österreich — Benzin @ 13:00

Was macht man am letzten Tag des Jahres? Gar nichts? Trübsal blasen ob vieler verpasster Chancen? Sich freuen, dass man wieder ein Jahr überlebt hat? Arbeiten? Feiern, sich besaufen? Alles ist möglich. Ich hatte Urlaub, keinen Grund von wegen Trübsal und ich trinke nicht. Ja, ich hab wieder ein Jahr überlebt. Klar, sonst könnte ich hier nicht schreiben. Im großen und ganzen war es ein wunderschönes Jahr mit ein paar Hoch und Tief, wie eben im richtigen Leben. Aber was tat ich am letzten Tag des Jahres? Ich red einfach einmal drüber, denn es war ein schöner Tag. Heute regnets und der Nebel ist recht hartnäckig. Aber was solls. Es ist erst der erste Tag eines neuen Jahres, das noch lange dauert.

Wettervorhersage am Silvestertag: „Am Samstag halten sich im Bergland anfangs Restwolken, die sich aber rasch auflösen. Sonst scheint über weite Strecken des Tages die Sonne, erst in den Nachmittagsstunden nähert sich aus dem Westen ein Tiefdruckgebiet, das Abkühlung mit Regen und Schneefall bringt.“ Also die Fototasche und das Stativ ins Auto gepackt und ab zum Bachlerhof, einen Kaffee trinken. Dann fuhr ich in die Donauau bei Ardagger, Biber suchen. An Motorradfahren verschwendete ich schon seit 7. November keinen Gedanken. Entweder zu kalt, oder Salz auf der nass-feuchten Straße. Oder beides. Der Schock, als mir das Salz im Dezember 2005 fast die grade einmal ein Jahr alte XJR gefressen hätte, sitzt heute noch tief.

IMG_3573_1 Als ich in der Au ankam, sah ich beim Einparken einen ganzen Haufen Enten im stehenden Gewässer sitzen, das ich eben über eine kleine Brücke überquert hatte. „Au fein, das gibt gleich reichlich Beute“, dachte ich erfreut, montierte ein Tele und stellte die Kamera ein. Allerdings war ich besorgt, wie diese scheuen Tiere reagieren würden, wenn ich die Autotür öffne. Autos kommen auf der Landesstraße zwar immer wieder hier vorbei, aber was passiert, wenn man stehenbleibt? Ich kann ja nicht drinnen sitzenbleiben! Also öffne ich vorsichtig die Tür und spähe dabei zu den Enten, die vielleicht 100 bis 150m von mir entfernt im Wasser sitzen. Keine Reaktion. Ich steig vorsichtig aus und schließe ebenso vorsichtig wieder die Tür. Quaquaquaaaaa, flatter, flatter…….und ich war alleine! Grumpffff………..

Na ja, was hätte ich den tun sollen? Ich wusste bis zur Ankunft ja nicht, dass da Enten sitzen. Die Au ist groß, voll mit Tieren, da läuft mir sicher etwas vor die Flinte, äh, vors Objektiv. Außerdem war ich eigentlich gar nicht wegen der Enten hier, sondern auf Bibersuche. Wieso auf Bibersuche? Weil ich noch nie wild lebende Biber oder deren Dämme in freier Natur gesehen hab.IMG_3583_1

Seit etwa der Mitte des 19.Jahrhunderts galt der Biber in Mitteleuropa praktisch als ausgestorben. Sein schmackhaftes Fleisch und sein wertvoller Pelz hatten ihm den Garaus gemacht. Um 1970 wurden wieder einige Biberfamilien angesiedelt, die sich, nach anfänglichen Problemen, erfreulich vermehrten. Zumindest erfreulich für die Naturschützer, für die Bauern weniger. Die Biber vermehrten sich so zahlreich, dass sie zur Plage wurden. Nur mit Hilfe technischen Schutzvorrichtungen werden Bäume in der Au mehr als 5 Jahre alt, andernfalls fallen sie nicht der Motorsäge, sondern den Bibern zum Opfer. Sagt man und kann man nachlesen. Den Schaden will natürlich niemand bezahlen und die Bauern fühlen sich um ihre Arbeit betrogen. „Würden sie jahrelang arbeiten, um dann draufzukommen, dass sie dafür keinen Lohn erhalten?„, las ich in einer alten Zeitung, als ich der Geschichte der hiesigen Biber auf den Grund ging. Ist scheinbar gar nicht so einfach, die Natur mit den Interessen der Menschen in Einklang zu bringen, aber ich wollte sie ja nur fotografieren.

IMG_3591_22 Kurzum, es war wirklich angenehm warm, herrliches Fotolicht, aber keine  Tiere (mehr seit meiner Ankunft) weit und breit. Das heißt, ja, klar, Tiere waren genug da. Aber nur so lange, bis sie mich sahen. Ich stiefelte auf einem Weg entlang des Wasserkanales dahin, sah eine Meise im Geäst sitzen, hob die Kamera – weg. Große weiße und graue Vögel standen auf den abgeernteten Feldern und pickten fressbares aus dem Boden, ein toller Anblick. Sie waren zwar eh mehrere hundert Meter weit weg, also gar keine Chance auf ein Foto, aber sobald sie mich nur sahen, flatter, flatter, und weg waren sie. Ich kam an einem hübsch gelegenen kleinen Teich vorbei, mit Grillplatz und allem Drum und Dran. „Schön“, dachte ich, und montierte das Weitwinkel. Als ich mich dem scheinbar verlassenen Tümpel näherte, um ihn abzulichten, flatter, flatter, machte ein kaum 10m vor mir stehender, natürlich von mir unentdeckter Fischreiher die Biege, und ich stand da mit dem Weitwinkel, wie ein Jäger mit einer Steinschleuder vor einem Bären – chancenlos, ein Foto zu schießen. IMG_3597_11

Im hintesten Winkel des Tümpels erklomm ich eine Böschung, erspähte oben angekommen in erreichbarer Entfernung wieder eine Gruppe dieser großen, schlanken Vögel, von denen ich keine Ahnung hab, welcher Art sie angehören, hob vorsichtig die Kamera, aber schon während ich sie in Anschlag brachte, bemerkte mich einer von ihnen und flog weg. Der Rest dieser Saubande folgte natürlich sofort. Jetzt stand ich, das konnte ich von meinem herrlichen Ausblick gut überblicken, ganz alleine auf weiter Flur. „Herrlich, diese Ruhe“, tröstete ich mich, „kein aufgeregt schnatternder Vogel weit und breit, nur ich.“ Allerdings fragte ich mich gleichzeitig, wozu ich den Fotoapparat mit dem riesigen, schweren Objektiv mitschleppte. Ohne wäre spazierengehen doch viel bequemer. Dann würden auch die blöden Viecher nicht abhauen, da war ich mir sicher! Oder war ich blöd, und nicht die Vögel? Möglich ist das schon.

IMG_5542_1 Nach zweieinhalb Stunden in der wunderschönen Donauau, in denen ich ein paar Sträucher, ein paar wilde Beeren (ja, die mit zwei „E“) und sogar zwei Schwäne fotografiert hatte (die sind gleich auf mich zugeschwommen und haben gelächelt, sonst hätte ich sie eh nicht erwischt) steckte ich mir auf freier Flur eine Zigarette an und frug mich, „wieso tust du an diesem wunderschönen letzten Tag des Jahres nicht etwas, was du ebenfalls gerne tust, was du aber auch  kannst? Zum Beispiel, eine Runde mit dem Motorrad fahren?“

Ich meine, ich fahr seit 1976 bei fast jeder Witterung mit einspurigen Fahrzeugen herum, und das macht mir noch immer unglaublich Spaß. Ich fotografiere auch seit 1972, und auch das macht mir unheimlich Spaß, aber mit frei lebenden Tieren hab ich keine Erfahrung. Die laufen mir ständig davon. Das macht keinen Spaß. Die Biber hatte ich auch nicht gefunden, also was sollte ich noch mutterseelenalleine in der Au machen? Gras, Bäume und Sträucher fotografieren? Am sonnigen, letzen Tag des Jahres? Nö, das kann ich jederzeit. Also heimgefahren, umgezogen, und ab in die Garage.IMG_5543_2

Oi oi oi, oioioioi brummmm, und sie lief, die dicke XJR. Schön! Fast zwei Monate war ich auf keinem Motorrad gesessen, hatte nicht einmal viel an motorradfahren gedacht. Ich war dieses Jahr nicht wahnsinnig viele Kilometer gefahren, aber das, was ich fuhr, was wunderschön. Also wäre doch eine gemütliche kleine Rundfahrt ein wunderbarer Jahresabschluß.

Ich fühlte mich pudelwohl im Leder. Viel wohler als in der einsamen Aulandschaft, muß ich gestehen. Es ist eine Sache, Berge, Motorräder, Autos, Gebäude oder Menschen und Tiere in einem Tiergarten zu fotografieren, eine ganz Andere, wild lebenden Tieren auf den Pelz rücken zu wollen. Außer Schwänen natürlich. Die sind, so scheint´s mir, ganz wild darauf, fotografiert zu werden.

IMG_5548_1 Ich stülpte den Helm über die Rübe, setzte mich auf die blaue Elise, und ab gings, zur Hauptstraße und wieder Richtung Ardagger, zur Donau. Jetzt wusste ich ja schon, wo´s warm und schön war. Als ich wieder bei dieser Brücke anhielt, um in der wärmenden Sonne eine Zigarette zu rauche, krächzten und schnatterten rundherum die Vögel wie im Paradies. „Arschlöcher!“, dachte ich mir, „Vorhin, als ich mit dem Fotoapparat hier war, seid ihr alle abgehauen, dabei hätte ich euch gar nichts getan“.

Ich verfolgte die Straße bis Wallsee, hielt mitten im Ort vor der Kirche eine kurze Rast, während sich zahlreiche Besucher eines Punsch-Standes verwundert die Augen rieben und recht streng riechendes Zeug in sich hinein schütteten, dann raus zur einser Bundesstraße und nach Strengberg. Von dort oben kann man einen großen Teil des Amstettner Bezirkes überblicken, sieht bis weit in die steirischen und oberösterreichische Bergwelt, und von dort oben sah ich auch die angekündigte Schlechtwetterfront. Mann, war das duster im Westen! Ich schaute nach Osten, strahlender Sonnenschein. Ich schaute nach Westen, und da war es um gut 10 Blenden dunkler, ähhh, oder so. IMG_5563_2

Eigentlich hatte ich vor, der Moststraße zu folgen, aber alleine der Blick Richtung St.Valentin, wo diese imaginäre Straße hinführt, ließ mich frieren. Also Richtung Steyr abgebogen und dann, als ich die Griffheizung auf „volle Pulle“ gedreht hatte, die Finger fast gegrillt wurden, aber der Rest des Körpers trotzdem vor Kälte biberte (NEIN, nicht schon wieder Biber!!), schwenkte ich gen Wolfsbach ein und folgte der Straße nach Seitenstetten. „Hm, und wenn ich jetzt hinten herum zur Wieserhöhe fahr, dann kann ich nach St.Georgen an der Klaus vorbeischauen“, überlegte ich. Also zitterte ich mich durch den relativ engen Talschlund Böhlerwerk entgegen und erklomm die steile Auffahrt nach St.Georgen. Was für eine prächtige Aussicht, und rundherum alles weiß. Welch ein Kontrast, von der warmen Donauau in die bergige Winterlandschaft. Ein Traum. Ich genoß die Aussicht, schoß ein paar Bilder, dann kehrte ich auf vertrauten Wegen in die nahe Heimat zurück. Aber nicht, ohne vorher nochmals beim Bachlerhof einen Kaffee zu trinken.

  

So fand das Jahr 2011 einen wunderschönen Abschluß. Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr, Gesundheit und Zufriedenheit.

2 Comments »

  1. Immer wieder schön deine Erlebnisse zulesen. Dein Schreiben lädt förmlich ein , eine Geschichte nach der anderen zuverschliengen.
    Mach weiter so und das mit dem Fotographieren des Wildgetiers klappt auch noch 😉

    Grüße aus Sachsen
    Stefan (Stift@Fzr-Forum)

    Kommentar von Stefan — 3. Januar 2012 @ 11:44

  2. Danke. Freut mich, wenn´s Dir gefällt.
    Mit der Fotografie klappts bestimmt. Beeren, Sträucher und Bäume schaff ich ja schon. Aber mit den Viechern muß ich einmal ein ernsthaftes Wörtchen reden. 🙂

    Grüße Hannes

    Kommentar von Benzin — 3. Januar 2012 @ 13:13

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