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9. Mai 2015

Uhren aus Chistopol – Vostok Amphibia, Komandirskie und Co.

Filed under: СДЕЛАНО В CCCР - Made in USSR — Benzin @ 12:35

 

my_ruskie_blog_vostok_048 Zu den zweifellos bekanntesten Uhren aus der ehemaligen Sowjetunion gehören die Produkte aus der Chistopoler Uhrenfabrik namens Amphibia und Komandirskie. Die Amphibia ist eine wasserdichte Taucheruhr, die Komandirskie haben den Ruf, Militäruhren zu sein. Letzteres stimmt nur teilweise. Ihr militärischer Ruf stammt hauptsächlich aus der Annahme, sie wären an militärisches Personal ausgegeben worden oder aus der Tatsache, dass es Uhren mit der Aufschrift ЗАКАЗ МО СССР gibt, was zu deutsch “Auf Order des sowjetischen Verteidigungsministeriums” bedeutet. Was aber keineswegs heißt, dass diese Uhren an Angehörige der sowjetischen Armee ausgegeben wurden. Es bedeutet viel mehr, dass diese Uhren in speziellen Geschäften verkauft wurden, die nur von Angehörigen der sowjetischen Armee betreten werden durften. Es gab Ausweiskontrollen.

Der Hintergrund dürfte in der sowjetischen Mangelwirtschaft gelegen sein, in der Waren nicht immer oder überall erhältlich waren. Angehörige der Armee hatten das Privileg, diese speziellen Geschäfte betreten zu dürfen, um Produkte zu kaufen, die am “freien” Markt nicht, kaum oder in schlechterer Qualität erhältlich waren. Die Mehrzahl dieser Uhren gab es auch für Normalsterbliche zu kaufen. Wie gesagt, falls sie erhältlich waren. Das Hauptproblem der klassenlosen sowjetischen Gesellschaft bestand darin, dass sie alles, nur nicht klassenlos war. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse bedeutete Privilegien, bedeutete etwas haben zu können, was andere nicht haben konnten. Das heißt aber auch, dass man seine „Klasse“ nutzen konnte. „Ich kann dir eine schöne Uhr besorgen, wenn du mir dafür Karten für’s Theater besorgst“. So ungefähr lief das. Auch in ganz großem Stil. Von besseren Nahrungsmitteln über Luxusgüter bis zu Wohnungen wurde Klasse für sich, für Angehörige und Freunde genutzt. Breschnew besaß trotz eines offiziellen Einkommens von rund 960 Rubel eine schöne Anzahl an Luxusautos. Er besaß Klasse. Er war die Nummer eins in der Sowjetunion. Er konnte Dinge haben, die man mit Geld alleine nicht haben konnte.my_ruskie_blog_vostok_042

Wer sich näher für das Leben in der vielschichtigen klassenlosen Klassengesellschaft der Sowjetunion interessiert, dem kann ich das Buch “KLASS – HOW RUSSIANS REALLY LIVE” von David K. Willis empfehlen. Willis lebte viereinhalb Jahre mit seiner Familie als Korrespondent des “Christian Science Monitor” in Moskau und reiste kreuz und quer durch die Sowjetunion. Seine Beobachtungen während seines Aufenthaltes werden in diesem Buch so unvoreingenommen und objektiv wie selten erzählt. Es ist in englisch geschrieben. Und nun zurück zu den Uhren.

Zu den Komandirskie gibts nicht all zu viel zu sagen. Es handelt sich durchwegs um recht robuste Zeitmesser mit relativ einfachem Staub und Feuchtigkeitsschutz, mit oder ohne Datumsanzeige. Die frühen Komandirskie mit dem Kaliber 2234 besaßen sowohl Datum wie auch Stopsekunde, was heißt, sobald man die Krone zum Stellen der Uhr zieht, bleibt der Sekundenzeiger stehen. So kann man diese Uhren sekundengenau richten, was für militärische Operationen durchaus von Wichtigkeit sein kann. Die Stopsekunde war und ist im Westen kein Merkmal billiger Uhren! Spätere Komandirskie besaßen die Kaliber 2409 oder 2414, das heißt, der Durchmesser des Uhrwerkes war um 2mm auf 24mm gestiegen, 09 deutet auf ein Uhrwerk ohne, 14 auf ein Uhrwerk mit Datum hin. Diese Werke hatten keine Stopsekunde mehr. Während es von den frühen Komandirskie keine all zu große Artenvielfalt gab, heißt, die Ziffernblätter waren sich in einer Modellserie durchwegs ähnlich, artete die Vielfalt modernerer Komandirskie ins fast Unübersichtliche aus. Praktisch für jede Waffengattung schien es eine Uhr zu geben, was über unterschiedliche Motive und Symbolen auf den Ziffernblättern ersichtlich war. Die bekanntesten Motive dürften Panzer und U-Boote sein, es gab aber auch Geschütze, Granatwerfen, Flugzeuge und weiß der Teufel was noch alles. Manche Sammler haben sich direkt drauf spezialisiert, wenn möglich alle erhältlichen Motive zu sammeln. Im Grunde ist es immer die selbe Uhr, nur mit unterschiedlichen Ziffernblättern.

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Ganz oben links und oben: Vostok Komandirskie Uhren Kaliber 2234 mit Stopsekunde mit originalen oder aufbereiteten Ziffernblättern.

Ein Besonderheit der frühen Komandirskie und Amphibia Modellen ist die dick und meist etwas unregelmäßig aufgetragene Leuchtmasse, die die Stundenmarken und Zeiger auch bei Dunkelheit sichtbar machen. Sie wurden mit freier Hand aufgetragen, daher die Unregelmäßigkeiten. Sehr oft hat diese Leuchtmasse ihre Fähigkeit, zu leuchten, längst verloren. Oft wurde diese Leuchtmasse auch durch neu aufgetragene ersetzt, was man auch als Sammler nicht unbedingt als Makel sehen muß. Es schaut ganz gut aus, wenn’s leuchtet, und zweckmäßig ist es auch. Eine weitere Besonderheit der späteren Komandirskie Modellen sowie aller Amphibia Modellen ist die verschraubbare Krone und die Aufzugswelle mit ihrem speziellen Kupplungsmechanismus. Darauf möchte ich später noch kurz eingehen. All diesen Modellen ist gemeinsam, dass die am Ziffernblatt in kyrillischer Schrift die Aufschrift “Komandirskie” tragen.

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Die Amphibia ist eine ganz andere Spezies. Diese Uhren sind nicht nur Spritzwassergeschützt sondern, je nach Modell, bis 200m oder gar bis 300m wasserdicht. Man kann davon ausgehen, dass 200m wasserdicht auch meinte, dass man damit 200m tief tauchen und dort auch arbeiten kann. Eine kommerzielle Notwendigkeit zur Übertreibung, wie im Westen üblich, bestand in der Sowjetunion nicht. Niemand kaufte eine bis 200m wasserdichte Uhr, weil sie mehr Prestige versprach. Bei den meisten Uhren westlicher Produktion kann man ruhig davon ausgehen, dass die sehr wohl bis 200m wasserdicht sind, wenn das drauf steht. Man kann aber auch davon ausgehen, dass man in dieser Tiefe nicht mehr damit arbeiten könnte. Eher darf man davon ausgehen, dass sie hält, was sie verspricht, wenn man sie an einer Angelschnur in diese Tiefe ablässt. Aber wir kennen das ja. “Bis zu……” ist ja auch oft ein gerne verwendetes Argument, um eine Besonderheit, die nicht vorhanden ist, hervor zu heben. Oder das Trockengewicht bei Motorrädern. Trocken heißt in diesen Fällen nicht nur, ohne Treibstoff, sondern auch ohne Öl und ohne Kühlwasser. Realitätsfern, aber liest sich gut.

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Vostok Amphibia aus der ersten Serie. Diese ist aus den 70er Jahren, mit sogenannten “Swivel Lugs”. Die Amphibia hatte im Gegensatz zu anderen Uhren, inklusive der Komandirskie, erstmals ein Stahl- statt einem Messinggehäuse. Die Bearbeitung dieser Stahlgehäuse machte der sowjetischen Uhrenindustrie am Anfang große Schwierigkeiten. Die Ansätze, an denen normal die Uhrbänder von den Federstege am Gehäuse gehalten werden, sollen ständig ausgebrochen sein. Bis man dies im Griff hatte, bediente man sich dieser “provisorischen” Art der Befestigung. Diese Uhr ist in einem im großen und ganzen recht gutem Zustand, allerdings ist sie nicht ganz Original. Am Sekundenzeiger fehlt die typische Kugel aus Leuchtmasse, vor allem ist das Uhrwerk vom Kaliber 2209 älter als die Uhr. Ich hab das, neben Dingen, die mir vielleicht gar nicht bewusst sind, mit Absicht in Kauf genommen, weil mir diese Uhr außergewöhnlich gut gefallen hat. Ich wurde nicht enttäuscht. Sie ist wirklich bezaubernd und läuft außergewöhnlich genau. Der Preis war für mich wie für den Verkäufer zufriedenstellend, denke ich.

Konstruktiv unterscheidet sich die Amphibia eklatant von westlichen Taucheruhren. Während westliche Uhren so gebaut sind, dass ihre Wasserdichte in einer Badewanne genau so hoch ist wie in tiefem Gewässer, sind diese sowjetischen Uhren völlig anders gebaut. Es beginnt am Rückdeckel und setzt sich an der Abdichtung des Uhrglases fort. Dicke Dichtungen wurden verbaut und konstruktive Maßnahmen getroffen, die die Dichtfähigkeit mit zunehmender Wassertiefe steigern. Ein weiterer Unterschied besteht auch in der Schraubkrone und der Verbindung von Aufzugswelle und Uhrwerk. Die Aufzugswelle der sowjetischen und auch neuer russischer Uhren des Typ Komandirskie und Amphibia besitzen eine Kupplung, die die Welle vom Werk entkoppeln und so Stöße auf die Krone nicht unmittelbar auf das Uhrwerk weiter leiten. Die dadurch etwas wobbelige Krone beziehungsweise die locker wirkende Aufzugswelle wird von Leuten, die keine Ahnung von der verwendeten Technik haben, gerne als Makel oder gar als Konstruktionsfehler verstanden, was es keineswegs ist! Das ist bauartbedingt. Wer sich näher für diese Technik interessiert, kann sich HIER ein Bild davon machen. In englischer Sprache wird hier recht anschaulich und leicht verständlich erklärt, wie die Abdichtung der Uhr und der Mechanismus der Krone bzw. Aufzugswelle funktioniert.

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Amphibia Kaliber 2209 aus den 70er Jahren

In der Amphibia Modellpalette gab es tatsächlich Uhren, die rein militärischen Ursprunges waren und nur vom Militär eingesetzt wurden. Das waren bis 300m wasserdichte Taucheruhren. Die wurden genau so gehandhabt wie andere, spezielle Armeeausrüstung, also nur für Übungszwecke oder für den Einsatz ausgegeben und danach wieder eingesammelt. Ob es davon in späterer Folge auch käufliche Modelle gab, gar für den Export, ist mir unbekannt. Für möglich halte ich es. Die Sowjetunion brauchte dringend Devisen. Heute sind diese Uhren begehrte Sammlerobjekte, die hohe Preise erzielen. Es ist aber, wie bei allem aus der ehemaligen Sowjetunion, sehr gutes Fachwissen von Nöten, um Fälschungen von Originalen unterscheiden zu können.

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Oben: Amphibia und Antimagnetik Modelle mit Gehäusen und Ziffernblätter in unterschiedlichen Ausführungen mit Handaufzug- und Automatikkalibern.

Apropos Fälschungen. Man soll es nicht für möglich halten. An und für sich sind Komandirskie und Amphibia Uhren, abgesehen von ein paar besonderen Modellen, keine teuren Uhren. Ihre Preise bewegen sich in gutem Zustand zumeist deutlich unter €100.-, für besonders schöne und schwerer zu findende bezahlt man vielleicht etwas mehr. Trotzdem gibt es Fälschungen! Die besonders kruden Fälschungen, angeblich chinesischen Ursprungs, erkennt man an unpassenden Zeigern und einer viel zu kleinen Krone. Es gibt aber auch Leute, die sich intensiv mit der Materie sowjetische Uhren beschäftigen, und da neigen einige eher zur Meinung, Fälschungen seihen eher russischen Ursprungs, weil die wesentlich leichter auf Gehäuse, Zeiger, Uhrwerke und Teile, die man für den Bau einer Fälschung braucht, Zugriff hätten. Vor allem Phantasieuhren, also Uhren in einer Zusammensetzung, wie sie nie vom Werk erhältlich waren, werden eher als russischen Ursprungs bewertet. Meiner Meinung nach muß man sich weniger vor Fälschungen, als vor Bastel Wastel hüten. Bastel Wastel sind Uhren, die aus Leichen zusammengezimmert wurden und alleine deshalb schon schwer zu erkennen sind. Ein Bastel Wastel muß nicht zwangsweise eine schlechte Uhr sein. Ein ernsthafter Sammler hingegen würde sich hüten, sowas zu kaufen. Da ich mich persönlich nicht als Sammler empfinde, schon gar nicht als ernsthaften, neige ich im Zweifelsfall aber eher zu Basteluhren als zu einer komplett heruntergekommen Leiche, nur weil sie komplett Original ist. In manchen Fällen ist mir eine nicht ganz originale oder gar eine aufbereitete Uhr als Muster lieber, als ein sehr teures “Original”, dessen Originalität ich mangels Fachkenntnis nie beweisen könnte. Das muß allerdings jeder für sich selber entscheiden. Wer unbedingt eine “Russenuhr” mit einem deutschen Panzer oder einem deutschen Flugzeug am Ziffernblatt kaufen möchte, soll das ruhig tun. Und wenn er sich dann fragt, ob das Original ist, oder nicht, könnte er ja seinen Geschichtslehrer fragen, ob das möglich ist. Caveat Emptor heißt auch hier die Devise. Käufer, du sollst wissen, was du tust!

Vostok hat allerdings nicht nur Komandirskie und Amphibia gebaut. Es gibt auch haufenweise hübsche Uhren, die mit Militär oder Tauchgängen gar nichts am Hut haben. Ja, es gibt sogar welche, die sehr gut zu einem schönen Anzug passen, ohne das man deswegen schief angeschaut wird. Ein paar solcher Uhren möchte ich hier zeigen, besondere Stücke wie die Vostok Präzision und dergleichen besitze ich allerdings nicht. Der Grund ist wieder, ich kenn mich damit zu wenig aus und das Minenfeld, in dem man sich bei diesem Thema bewegt, ist mir zu groß. Vielleicht später einmal, wenn ich in Pension bin.

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Immer wieder hab ich das Gefühl, in den russischen, oder wie hier, in den sowjetischen Uhren spiegelt sich ein wenig die russische Seele wider. Patriotismus, Heimatverbundenheit und eine gewisse Verspieltheit. Es spiegeln sich die Ereignisse wie der große Patriotische Krieg gegen Hitlerdeutschland wider oder die Größe der Völkergemeinschaft. Keine andere Nation hat so bunte, aber auch so themenbezogene Uhren erzeugt wie die Sowjetunion. Die Wahl der Motive schien schier unerschöpflich. Wenn da nur das liebe Geld nicht wäre.

Einen schönen Tag noch……….

 

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